Du hast die initiale Bodenrisikoklasse (iGRC) deiner Operation bestimmt und sie ist höher als erhofft. Jetzt stellt sich die Frage: Lässt sich dieses Risiko noch senken? Genau das regelt Schritt 3 der SORA. Er ist optional, aber für viele Betriebe der entscheidende Hebel, um den weiteren Antragsprozess überhaupt praktikabel zu machen.
Dieser Artikel erklärt dir, welche Mitigationen in SORA 2.5 zur Verfügung stehen, wie du sie anwendest und was das für deine finale Bodenrisikoklasse bedeutet. Er ist Teil unserer SORA-Schritt-für-Schritt-Serie – den vollständigen Überblick über alle 10 Schritte sowie den Antragsweg in Deutschland und Österreich findest du in unserem SORA-Antrag-Leitfaden. Die Grundlagen der Specific Kategorie erklärt dir unser separater Ratgeber.
SORA 2.5 ist aktueller Standard: Mit ED Decision 2025/018/R hat die EASA SORA 2.5 offiziell als Acceptable Means of Compliance zu Regulation (EU) 2019/947 eingeführt. Dieser Artikel orientiert sich ausschließlich an SORA 2.5.
Das musst du wissen
- Schritt 3 ist optional – Mitigationen werden nur angewendet, wenn du die initiale Bodenrisikoklasse senken willst oder musst.
- In SORA 2.5 gibt es vier Mitigationen: M1(A) Sheltering, M1(B) Operational Restrictions, M1(C) Ground Observation und M2 Impact Reduction – kein M3 mehr.
- Der Emergency Response Plan (ERP) ist seit SORA 2.5 kein Mitigation-Instrument mehr, sondern Pflichtbestandteil der Operational Safety Objectives (OSO #01) – für jede Operation, unabhängig vom SAIL.
- Die finale GRC kann durch M1-Mitigationen nicht unter den niedrigsten Wert der entsprechenden Spalte aus Schritt 2 gesenkt werden.
- Bleibt die finale GRC nach allen Mitigationen über 7, kann die Operation im SORA-Prozess nicht genehmigt werden.
Zur Wiederholung: Was bestimmt die initiale Bodenrisikoklasse?
Im vorigen Schritt haben wir die Einflussfaktoren für die Ermittlung des initialen Bodenrisikos bestimmt:
- Flugroute und die dort gefährdeten Personen (Bevölkerungsdichte in Personen/km²)
- Verwendete Drohne und ihre Eigenschaften (Charakteristische Abmessung, Höchstgeschwindigkeit)
- Betriebsvolumen (Fluggeografie, Contingency Volume, Ground Risk Buffer)
Wer etwa mit einer großen und schweren Drohne über dichter besiedeltes Gebiet außerhalb der Sichtweite fliegen will, erhält eine entsprechend hohe iGRC. Da sich ein hohes Bodenrisiko direkt auf den SAIL-Level und damit auf die zu erfüllenden Sicherheitsziele auswirkt, lohnt es sich, dieses durch Mitigationen zu senken – sofern das operativ möglich ist.
Den vollständigen Prozess der iGRC-Bestimmung erklärt unser Artikel zu SORA Schritt 2: Initial Ground Risk Class.
Die vier Mitigationen in SORA 2.5
In SORA 2.5 stehen vier Mitigationen zur Verfügung. Sie werden in numerischer Reihenfolge geprüft und angewendet. Jede Mitigation hat definierte Robustheitsstufen (Low, Medium, High), die bestimmen, wie stark die GRC gesenkt werden kann und welche Nachweise du erbringen musst.
Übersicht der Mitigationen (Table 5, Annex zu ED Decision 2025/018/R):
| Mitigation | Bezeichnung | Low | Medium | High |
|---|---|---|---|---|
| M1(A) | Strategic mitigations – Sheltering | –1 | –2 | n/a |
| M1(B) | Strategic mitigations – Operational restrictions | n/a | –1 | –2 |
| M1(C) | Tactical mitigations – Ground observation | –1 | n/a | n/a |
| M2 | Effects of UA impact dynamics are reduced | n/a | –1 | –2 |
M1(A) – Sheltering: Abschirmung durch Gebäude
Diese Mitigation nutzt den Umstand, dass sich Menschen in besiedelten Gebieten den Großteil ihrer Zeit in Gebäuden aufhalten – und damit vor einem Drohnenaufprall geschützt sind. Wenn dein Einsatzgebiet überwiegend aus Strukturen besteht, die Schutz bieten (Wohngebiete, Stadtzentren), kannst du diesen Effekt als Mitigation geltend machen.
Auf Low Robustness (–1 GRC) erklärt der Betreiber, dass die Drohne über Gebieten fliegt, in denen die große Mehrheit der unbeteiligten Personen unter Dach erwartet werden kann – und dass die verwendete Drohne Strukturen nicht penetriert (in der Regel bei einem Abfluggewicht unter 25 kg der Fall). Keine zusätzlichen Betriebseinschränkungen sind erforderlich.
Auf Medium Robustness (–2 GRC) kommen zeitbasierte Einschränkungen hinzu – etwa der Nachweis, dass nur zu Zeiten geflogen wird, in denen ein noch größerer Anteil der Bevölkerung geschützt ist (z. B. nachts). Wichtig: Medium Robustness M1(A) kann nicht mit M1(B) kombiniert werden, da beide zeitbasierte Argumente nutzen und eine Doppelzählung verhindert werden soll.
Nicht anwendbar bei: Flügen über Menschenansammlungen oder in Gebieten ohne Schutzstrukturen (offenes Gelände).
M1(B) – Operational Restrictions: Betriebliche Einschränkungen
Wo Sheltering nicht ausreicht oder nicht anwendbar ist, kann M1(B) die Anzahl der gefährdeten Personen durch gezielte raum-zeitliche Einschränkungen des Betriebs senken. Der Grundgedanke: Wenn du nachweisen kannst, dass die tatsächliche Bevölkerungsdichte zum Zeitpunkt deiner Operation deutlich unter dem Wert aus der iGRC-Tabelle liegt, kann die GRC entsprechend angepasst werden.
Auf Medium Robustness (–1 GRC) musst du die Bevölkerungsdichte um mindestens eine iGRC-Stufe senken – das entspricht in der Regel einer Reduktion um ~90 %. Das kann durch eine standort- und zeitbasierte Analyse erreicht werden: Zum Beispiel der Nachweis, dass ein Industriegebiet am Wochenende oder abends kaum bevölkert ist.
Auf High Robustness (–2 GRC) muss die Reduktion zwei iGRC-Stufen entsprechen (~99 %). Die Behörde muss die verwendeten Datenquellen und Methoden akzeptieren.
Als Datengrundlage kommen statische Bevölkerungsdichtekarten, temporale Daten von ergänzenden Datendiensten oder eine Kombination beider Ansätze in Frage.
M1(C) – Ground Observation: Bodenbeobachtung
M1(C) ist eine taktische Mitigation: Während des Flugs beobachten der Fernpilot, eingesetzte Beobachter oder technische Systeme das Überfluggebiet aktiv – und passen den Flugweg an, um die Anzahl der überflogenen unbeteiligten Personen zu reduzieren. Diese Mitigation ersetzt in SORA 2.5 den früheren VLOS-Credit, der in Schritt 2 vergeben wurde.
Auf Low Robustness (–1 GRC) müssen der Fernpilot oder eingesetzte Bodenbeobachter den Großteil des Überfluggebiets einsehen, Personen erkennen können und den Flugweg aktiv anpassen. Die Verfahren dafür müssen dokumentiert sein.
Wenn technische Mittel eingesetzt werden (Kamera an der Drohne, Bodenbeobachter mit Funk/Telefon), müssen diese eine zuverlässige Erkennung von Personen am Boden ermöglichen.
M1(C) ist nur auf Low Robustness verfügbar und damit auf –1 GRC begrenzt.
In wingman kannst du alle verfügbaren Mitigationen für deine Operation definieren – die finale Bodenrisikoklasse wird auf Basis deiner Eingaben automatisch berechnet. So siehst du direkt, welche Kombination aus M1(A), M1(B), M1(C) und M2 für dein Vorhaben erreichbar ist und was das für deinen SAIL bedeutet.
M2 – Aufpralleffekte reduzieren
M2 greift an einem anderen Punkt an: Statt die Anzahl der gefährdeten Personen zu senken, wird die Auswirkung eines unkontrollierten Aufpralls auf Personen am Boden reduziert. Dazu gehören technische Systeme wie Fallschirme, Autorotation (Multicopter) oder andere Mechanismen, die kinetische Energie beim Aufprall oder die kritische Aufprallfläche reduzieren.
Die Grundannahme im SORA-Modell: Ein unkontrollierter Aufprall ohne jede Mitigation führt in der Regel zu tödlichen Folgen für Personen am Boden. M2 muss nachweisbar zeigen, wie stark die Aufprallenergie oder die kritische Aufprallfläche reduziert wird – in Abhängigkeit von der charakteristischen Abmessung der Drohne.
Auf Medium Robustness (–1 GRC) muss der Betreiber oder Hersteller belegen, dass das System die Aufprallenergie oder kritische Fläche ausreichend reduziert. Für High Robustness (–2 GRC) gelten strengere Nachweisanforderungen – in der Regel ist ein Design Verification Report (DVR) des Herstellers erforderlich, der die Anforderungen aus Annex B der ED Decision 2025/018/R nachweist. Das hat auch direkte Auswirkungen auf das SORA-konforme Betriebshandbuch.
Wichtig: Wenn M2 das Abstiegverhalten der Drohne beeinflusst (z. B. durch einen Fallschirm), muss der Ground Risk Buffer aus Schritt 2 neu berechnet werden – ein Fallschirm verlängert die unkontrollierte Driftphase im Wind erheblich. Es ist für jede Operation individuell zu prüfen, ob der Vorteil der Mitigation andere Einschränkungen mit sich bringt.
Für M2 stellt die EASA in Annex B zu AMC1 Article 11 der ED Decision 2025/018/R detaillierte Anforderungen an Integrität und Assurance bereit.
GRC / ARC Schnellreferenz – alle Tabellen auf einen Blick
Du arbeitest gerade an deiner Risikoanalyse? Dieses 2-seitige Referenzblatt fasst alle Tabellen zusammen, die du für die Schritte 2–7 der SORA brauchst – digital geöffnet oder ausgedruckt, ganz wie es dir lieber ist. Basiert auf EASA AMC & GM, Issue 1, Amendment 3 (ED Decision 2025/018/R).
- iGRC-Tabelle (Table 1) mit allen 5 UA-Dimensionen
- SAIL-Matrix (Table 3): finale GRC × residuale ARC
- ARC-Übersicht: ARC-a bis ARC-d auf einen Blick
- GRC-Mitigationen M1(A)/M1(B)/M1(C)/M2 (Table 5)
- TMPR-Zuordnung nach residualer ARC (Table 6)
- Qualitative Bevölkerungsdichte-Deskriptoren
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Was ist mit dem Emergency Response Plan (ERP)?
In SORA 2.0 war der ERP als M3-Mitigation Teil der Risikoreduzierung und konnte die GRC um bis zu 1 Punkt senken. In SORA 2.5 existiert M3 nicht mehr.
Der ERP ist jetzt Pflichtbestandteil der Operational Safety Objectives (OSO #01) und muss für jeden Betrieb – unabhängig vom SAIL – vorhanden, validiert und wirksam sein. Das bedeutet: Der ERP bringt dir keine GRC-Reduktion mehr, ist aber trotzdem nicht optional.
Ein vollständiger ERP enthält klare Rollen und Verantwortlichkeiten, Verfahren zur Benachrichtigung und konkrete Handlungsanweisungen für den Notfall. Für jedes Fluggebiet gibt es darüber hinaus fluggebietsspezifische ERP-Informationen (z. B. Kontakte zu lokalen Einsatzkräften). Der ERP muss regelmäßig in Planspielen geübt werden. Die formalen Anforderungen findest du in AMC3 UAS.SPEC.030(3)(e) der EASA Easy Access Rules für UAS.
Auswirkung auf die finale Bodenrisikoklasse
Wenn Mitigationen angewendet werden, gilt folgendes Prinzip: Die M1-Mitigationen können die iGRC zusammen nicht unter den niedrigsten Wert der jeweiligen Spalte aus der iGRC-Tabelle (Schritt 2) senken. Der Grund: Ein kontrolliertes Bodengebiet – also ein Bereich, in dem sichergestellt ist, dass sich keine unbeteiligten Personen aufhalten – stellt bereits das geringste mögliche Bodenrisiko dar.
Außerdem gilt: Wenn du M1-Mitigationen in besiedeltem Gebiet anwendest, um die GRC zu senken, steigen damit die Anforderungen an das Containment (Eingrenzung der Operation). Das kann höhere technische Anforderungen an die Drohne bedeuten – dieser Zusammenhang sollte im Gesamtprozess von Anfang an berücksichtigt werden.
Bleibt die finale GRC auch nach allen Mitigationen über 7, ist die Operation im SORA-Prozess nicht mehr genehmigungsfähig. In diesem Fall gibt es zwei Wege: Entweder werden die Betriebsparameter aus Schritt 1 angepasst (z. B. kleinere Drohne, niedrigere Flughöhe, anderes Einsatzgebiet) – ein zu weit gefasstes Fluggebiet ist übrigens einer der häufigsten Fehler beim SORA-Antrag –, oder die Operation wird in die Certified Category überführt.
Zusammenfassung
Schritt 3 der SORA regelt in SORA 2.5, wie und unter welchen Bedingungen die initiale Bodenrisikoklasse durch Mitigationen gesenkt werden kann. Mit M1(A), M1(B), M1(C) und M2 stehen vier klar definierte Instrumente zur Verfügung – jedes mit eigenen Anwendungsvoraussetzungen, Robustheitsstufen und Nachweispflichten. Welche Mitigationen in Frage kommen, hängt vom Einsatzgebiet, der verwendeten Drohne und den verfügbaren Nachweisen ab.
Die wesentliche Änderung gegenüber SORA 2.0: Der ERP ist keine Mitigation mehr. Er ist Pflicht – aber ohne GRC-Wirkung.
Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:
- Schritt 3 ist optional, aber oft entscheidend für einen realistischen SAIL-Level.
- Die vier Mitigationen in SORA 2.5 sind M1(A) Sheltering, M1(B) Operational Restrictions, M1(C) Ground Observation und M2 Impact Reduction – kein M3.
- M1(A) Low und M1(B) können kombiniert werden; M1(A) Medium und M1(B) hingegen nicht (Doppelzählung).
- Der ERP ist seit SORA 2.5 Pflicht-OSO, keine GRC-Mitigation mehr.
- Die finale GRC darf durch M1-Mitigationen nicht unter den niedrigsten Spaltenwert aus Schritt 2 sinken.
- Finale GRC > 7 bedeutet: Operation im SORA-Rahmen nicht genehmigungsfähig.
Mit wingman die finale GRC automatisch berechnen Du willst wissen, welche Mitigationen für deinen Einsatz erreichbar sind – und was das für deinen SAIL bedeutet? In wingman definierst du alle Mitigationen direkt in der Risikoanalyse. Die finale Bodenrisikoklasse wird automatisch berechnet, Schritt für Schritt.
Weiter geht es mit SORA Schritt 4: Initial Air Risk Class (ARC) – Luftrisiko.
