Du hast in Schritt 5 deine residuale Air Risk Class festgelegt – und dabei vielleicht festgestellt, dass bestimmte Systeme dort noch keine Rolle spielten. DAA-Systeme, ADS-B, Transponder: In Schritt 5 waren sie ausdrücklich ausgeklammert, weil sie keine strategischen, sondern taktische Mitigationen sind. Genau hier setzt Schritt 6 an.
Die Tactical Mitigation Performance Requirements – kurz TMPR – definieren, welche Anforderungen dein System oder dein Betriebskonzept erfüllen muss, um das nach Schritt 5 verbleibende Kollisionsrisiko mit bemannter Luftfahrt auf ein akzeptables Niveau zu bringen. Was das konkret bedeutet – für VLOS-Betrieb, für BVLOS-Einsätze und für den Nachweis gegenüber der Behörde – erklärt dieser Artikel. Er ist Teil unserer SORA-Schritt-für-Schritt-Serie – den vollständigen Überblick über alle Schritte sowie den Antragsweg in Deutschland und Österreich findest du in unserem SORA-Antrag-Leitfaden.
Das musst du wissen
- Die TMPR-Stufe ergibt sich direkt aus der residualen ARC: Sie gibt vor, wie anspruchsvoll die Anforderungen an deine taktische Kollisionsvermeidung sind.
- VLOS-Betrieb und BVLOS mit Airspace Observers (AOs) gelten für alle ARC-Stufen als akzeptable taktische Mitigation – auch für ARC-d.
- Für BVLOS-Betrieb ohne AOs brauchst du technische Systeme zur Kollisionsvermeidung, zum Beispiel Detect-and-Avoid-Systeme, ADS-B oder U-Space-Services.
- Neben der Stufe selbst musst du auch die Robustheit deiner Mitigation nachweisen – und die wird vom SAIL abhängen.
Was ist eine TMPR – und warum gibt es sie?
Strategische Mitigationen (Schritt 5) reduzieren das Luftrisiko durch operative Einschränkungen: Flugzeiten, geografische Grenzen, Luftraumstruktur. Sie greifen vor dem Flug. Was danach noch an Kollisionsrisiko übrig bleibt, adressiert Schritt 6 – durch taktische Maßnahmen, die während des Flugs wirken.
TMPR steht für Tactical Mitigation Performance Requirements: die Anforderungen, die dein System oder dein Betriebskonzept erfüllen muss, um das verbleibende Risiko einer Kollision mit bemannten Luftfahrzeugen auf das geforderte Sicherheitsniveau zu bringen.
Konkret decken TMPRs die gesamte Funktionskette ab, die nötig ist, um einem anderen Luftfahrzeug auszuweichen:
- Detect – das andere Luftfahrzeug erkennen
- Decide – eine Ausweichentscheidung treffen
- Command – das Ausweichmanöver einleiten
- Execute – das Manöver durchführen
- Feedback – den Erfolg der Maßnahme überprüfen
Je nach residualer ARC variieren die Anforderungen an jede dieser Funktionen – in Bezug auf Leistungsfähigkeit, Technologie und Nachweispflicht.
Die vier TMPR-Stufen – von „keine Anforderung“ bis „High“
Die TMPR-Stufe ergibt sich direkt aus der residualen ARC, die du in Schritt 5 ermittelt hast:
| Residuale ARC | TMPR-Stufe | Typischer Kontext |
|---|---|---|
| ARC-a | Keine Anforderung | Atypischer Luftraum, sehr geringes Begegnungsrisiko |
| ARC-b | Low | Geringes Begegnungsrisiko, strategische Mitigationen wirksam |
| ARC-c | Medium | Moderates Begegnungsrisiko |
| ARC-d | High | Hohes Begegnungsrisiko, integrierter Luftraum |
Keine Anforderung (ARC-a): Wer mit ARC-a aus Schritt 4 oder 5 herausgeht, hat es mit atypischem Luftraum zu tun – also Gebieten, in denen bemannter Luftverkehr grundsätzlich nicht zu erwarten ist, etwa in segregiertem oder reserviertem Luftraum. Dort ist das Kollisionsrisiko so gering, dass keine taktischen Maßnahmen nötig sind. Wichtig: ARC-a ist immer eine Ausgangszuweisung aus Schritt 4 – durch strategische Mitigationen in Schritt 5 kann ARC-a nie erreicht werden.
Low TMPR (ARC-b): Das Begegnungsrisiko ist gering, aber nicht vernachlässigbar. Strategische Mitigationen haben den Großteil des Risikos bereits abgedeckt. Technologien zur Unterstützung des Fernpiloten beim Erkennen anderer Luftverkehrsteilnehmer können hier eingesetzt werden, müssen aber keinen hohen Zertifizierungsstandard erfüllen. Für Betrieb unterhalb von 500 ft AGL besteht das typische Ausweichmanöver in einem raschen Sinkflug auf eine Höhe, in der bemannter Luftverkehr nicht zu erwarten ist.
Medium TMPR (ARC-c): Das Kollisionsrisiko ist moderat – typischerweise bei Operationen in unkontrolliertem Luftraum mit regulärem Luftverkehr oder in der Nähe von Kontrollzonen. Die eingesetzten Systeme und Verfahren müssen nachweisbar in der Lage sein, die gesamte DDCEF-Kette zuverlässig abzudecken. Technologisch kommen hier Systeme in Betracht, die anderen Luftverkehr aktiv empfangen und anzeigen – etwa ADS-B-In-Empfänger kombiniert mit einer FLARM-ähnlichen Lösung, oder kooperative Transponder-Systeme. Ein bloßes Sichtausschauhalten genügt bei BVLOS-Betrieb nicht mehr. Ausweichmanöver sind klarer definiert und müssen in den Betriebsverfahren dokumentiert sein.
High TMPR (ARC-d): Der Luftraum ist stark frequentiert oder strategische Mitigationen haben das Risiko nur wenig reduziert. Die Drohne operiert faktisch im integrierten Luftraum – gemeinsam mit bemannten Luftfahrzeugen. Die Anforderungen entsprechen denen, die auch für vergleichbare neue Technologien in der bemannten Luftfahrt gelten. In der Regel werden anerkannte DAA-Standards erwartet, etwa jene, die von RTCA SC-228 oder EUROCAE WG-105 entwickelt wurden.
Welche Mitigation für welchen Betrieb gilt
VLOS und BVLOS mit Airspace Observers
Wenn du im Sichtflug (VLOS) operierst oder BVLOS-Flüge mit ausreichend positionierten Airspace Observers (AOs) durchführst, gilt das als akzeptable taktische Mitigation – unabhängig von der TMPR-Stufe. Das gilt also auch für ARC-d.
Wichtig: Bei BVLOS mit AOs gelten ergänzende Anforderungen. Die Kommunikationslatenz zwischen dem Fernpiloten und dem AO soll weniger als 15 Sekunden betragen. Außerdem ist zu beachten, dass ein AO unter realistischen Bedingungen andere Luftfahrzeuge typischerweise nicht über eine Reichweite von etwa 2 NM (rund 3,7 km) hinaus erkennen kann – dieser Wert kann je nach Sichtbedingungen, Flugzeugtyp und Schließgeschwindigkeit abweichen.
💡 Tipp: Bei Operationen mit mehreren Flugabschnitten kann ein Teil der Strecke im VLOS, ein anderer im BVLOS geflogen werden. Nur die BVLOS-Segmente müssen die TMPR und die Robustheitsstufe erfüllen. VLOS-Segmente sind davon ausgenommen.
BVLOS ohne Airspace Observers
Bei BVLOS-Betrieb ohne AOs musst du technische Systeme nachweisen, die die TMPR-Funktionskette abdecken. Dafür stehen verschiedene Mittel zur Verfügung:
- Detect-and-Avoid-Systeme (DAA): Systeme, die anderen Luftverkehr selbstständig erkennen und Ausweichmanöver einleiten oder empfehlen
- ADS-B In / ADS-B Out: Empfangen und Senden von Positionsdaten im ADS-B-Netz
- SRD-860-Systeme: Geräte, die auf der SRD-860-Frequenz senden oder empfangen
- U-Space-Services: Dienste, die im Rahmen von U-Space-Lufträumen bereitgestellt werden
- Operative Verfahren: In bestimmten Fällen können auch verfahrensorientierte Maßnahmen als Mittel anerkannt werden
Welche Technologien für welche TMPR-Stufe ausreichen, ist in Annex D der EASA AMC zu Implementing Regulation (EU) 2019/947 beschrieben. Dieser Annex definiert die Anforderungen an die einzelnen Funktionen der Detect-Decide-Command-Execute-Feedback-Kette je Robustheitsstufe. Welche strategischen Mitigationen du in Schritt 5 angewendet hast und warum manche Technologien dort bewusst ausgeklammert wurden, erklärt unser Artikel zur residualen Air Risk Class.
⚠️ Wichtig: BVLOS ohne AOs ist nicht automatisch mit einer Low-TMPR-Anforderung verknüpft. Die Stufe ergibt sich aus der residualen ARC – die Betriebsart bestimmt nur, welche Art der Mitigation du einsetzen musst.
Wie weist du die Erfüllung der TMPR nach?
Neben der TMPR-Stufe selbst verlangt Schritt 6 auch die Angabe des Robustheitsniveaus: Low, Medium oder High. Dieses Niveau gibt an, wie sicher und zuverlässig deine Mitigation tatsächlich ist.
Robustheit setzt sich aus zwei Komponenten zusammen:
- Integritätsniveau: Wie gut ist die Mitigation – technisch oder operativ – tatsächlich umgesetzt?
- Assurance-Niveau: Wie gut kannst du das nachweisen?
Die Robustheit entspricht dem niedrigeren der beiden Werte. Ein konkretes Beispiel: Du setzt ein ADS-B-Out-System ein, das technisch funktioniert (hohes Integritätsniveau) – aber der Hersteller stellt keine Konformitätserklärung aus und du hast keinen unabhängigen Nachweis (niedrige Assurance). Das Ergebnis: Low Robustheit, obwohl die Technik vorhanden ist. Wer also frühzeitig auf dokumentierte Systeme setzt, vermeidet diese Falle.
Die EASA AMC (Issue 1, Amendment 3) ordnet die Residual ARC direkt einer erwarteten Robustheitsstufe zu:
- ARC-b → Low Robustheit
- ARC-c → Medium Robustheit
- ARC-d → High Robustheit
Was du konkret einreichen musst, hängt von der Robustheitsstufe und dem späteren SAIL ab. Bei niedrigeren SAILs kann eine Konformitätserklärung des Herstellers ausreichen. Bei höheren SAILs – insbesondere SAIL IV und darüber – wird ein Design Verification Report (DVR) der EASA oder eine Typenzulassung erwartet. Wie der SAIL aus GRC und ARC berechnet wird, erklärt der nächste Artikel dieser Serie.
Von der residualen ARC zur TMPR – so sieht das in der Praxis aus
In Schritt 5 wurden drei typische Szenarien beschrieben. Hier siehst du, wie diese Situationen direkt in Schritt 6 weitergehen:
BVLOS über Agrarflächen mit Airspace Observer (Beispiel 1 aus Schritt 5): Die residuale ARC war ARC-b – also Low TMPR. Der Airspace Observer, der in Schritt 5 die ARC um eine Stufe gesenkt hat, übernimmt in Schritt 6 gleichzeitig die Rolle der taktischen Mitigation. VLOS und BVLOS mit AOs sind für alle TMPR-Stufen anerkannt. Der Betreiber muss die AO-Anforderungen (Kommunikationslatenz, Positionierung, Phraseologie) sauber dokumentieren.
BVLOS entlang einer Stromtrasse nahe einem Regionalflughafen (Beispiel 2 aus Schritt 5): Die residuale ARC war ARC-c – also Medium TMPR. In diesem Szenario wurde darauf hingewiesen, dass Transponder und ADS-B nicht auf die residuale ARC wirken, aber in Schritt 6 relevant werden. Genau das passiert jetzt: Diese Systeme werden als taktische Mitigation für die Medium-TMPR-Anforderung eingesetzt und müssen auf das entsprechende Robustheitsniveau nachgewiesen werden.
VLOS-Flug mit residualer ARC-b (Beispiel 3 aus Schritt 5): Der Betreiber landet in Schritt 6 bei Low TMPR. Da er im VLOS operiert, ist das automatisch eine akzeptable taktische Mitigation – ohne zusätzliche technische Systeme. Voraussetzung: Der VLOS-Betrieb ist glaubhaft und vollständig dokumentiert.
Typische Fehler und was Behörden besonders prüfen
In den SORA-Anträgen, die wir bei skyzr begleiten, tauchen bei Schritt 6 immer wieder dieselben Schwachstellen auf und sie sind oft die Hauptursache für Rückfragen der Behörde:
VLOS-Annahme ohne saubere Dokumentation: Wer VLOS als taktische Mitigation angibt, muss das auch glaubhaft belegen können. Was genau macht den Betrieb zu einem VLOS-Betrieb? Wie ist der Sichtkontakt zur Drohne sichergestellt? Gibt es Hindernisse, Wettervorgaben, Höhenbeschränkungen dazu?
AO-Konzepte ohne ausreichende Detailtiefe: Der bloße Hinweis „Airspace Observer vorhanden“ reicht nicht. Behörden erwarten klare Angaben zu Positionierung, Kommunikationsprozeduren, Phraseologie, Kommunikationsmittel und Latenz.
Fehlende Nachweise bei DAA-Systemen: Wer ein technisches System als TMPR-Mittel angibt, muss belegen können, dass es die Performance-Anforderungen aus Annex D tatsächlich erfüllt. Ein Servicevertrag (SLA) mit dem Anbieter oder eine technische Konformitätserklärung sind hier oft der richtige Ansatzpunkt.
TMPR-Stufe und tatsächliche Mitigation passen nicht zusammen: Es kommt vor, dass Betreiber eine Low-TMPR-Anforderung angeben, die tatsächlich eingesetzte Mitigation aber nur für ARC-a ausreicht – weil das System gar keine echte Detect-Funktion hat.
Zusammenfassung
- TMPR steht für die Anforderungen an taktische Kollisionsvermeidung im Luftraum – sie greifen während des Flugs, nicht davor.
- Die TMPR-Stufe (keine, Low, Medium, High) ergibt sich direkt aus der residualen ARC aus Schritt 5.
- VLOS und BVLOS mit Airspace Observers sind für alle TMPR-Stufen als Mitigation anerkannt – mit klaren Anforderungen an Kommunikation und Sichtweite.
- Bei BVLOS ohne AOs brauchst du technische Mittel: DAA-Systeme, ADS-B, SRD-860 oder U-Space-Services.
- Neben der TMPR-Stufe musst du auch das Robustheitsniveau (Low/Medium/High) angeben und belegen – aus der Kombination von Integritätsniveau und Nachweistiefe.
- Die konkreten Anforderungen je Stufe sind in Annex D der EASA AMC zu VO (EU) 2019/947 definiert.
Nächster Schritt: SAIL bestimmen
Mit der abgeschlossenen TMPR-Bewertung hast du alle Eingangswerte für den nächsten Schritt beisammen: Finales GRC und residuale ARC fließen in Schritt 7 ein, um den Specific Assurance and Integrity Level (SAIL) deiner Operation festzulegen. Der SAIL bestimmt dann, welche Operational Safety Objectives (OSOs) du in welcher Tiefe nachweisen musst.
Als konkreten nächsten Schritt empfiehlt sich, die TMPR-Stufe und das Robustheitsniveau bereits jetzt in deinen ConOps-Entwurf einzutragen – bevor du mit Schritt 7 beginnst. So stellst du sicher, dass die Nachweisdokumente für deine Mitigation (Konformitätserklärung, SLA, DVR) rechtzeitig beschafft werden können.
Wenn du beim SORA-Antrag Unterstützung brauchst – von der ConOps bis zur vollständigen Antragstellung – hilft dir wingman von skyzr dabei, die einzelnen Schritte strukturiert zu dokumentieren. Alternativ steht dir das skyzr-Team auch für eine persönliche SORA-Beratung zur Verfügung.
